"Verzweifelt, nicht irre": Plant Putin bereits das Kriegsende? (2023)

Ist der Kreml beim Einlenken im Ukraine-Krieg schon weiter, als manche ahnen? In westlichen Medien gebe es viele "Enten", also Falschmeldungen, so Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der damit allerdings keine klare Antwort auf die Frage gab, ob es hinter den Kulissen wirklich vertrauliche Kontakte zwischen der russischen Regierung und dem US-Sicherheitsberater Jake Sullivan gibt, wie im "Wallstreet Journal" zu lesen war. Das seien "Spekulationen", meinte Peskow.

Immerhin bestĂ€tigte er ausdrĂŒcklich, dass Russland fĂŒr Verhandlungen "offen" bleibe. Und Oleg Jewtuschenko, der mĂ€chtige Chef des russischen Staatskonzerns Rostec, zeigte sich zeitgleich ĂŒberzeugt, dass Russlands Beziehungen mit dem Westen schon wieder besser wĂŒrden, das könne allerdings "zwanzig bis dreißig Jahre" dauern. Bis dahin werde der High-Tech-Konzern Rostec Probleme haben, wichtige Teile fĂŒr seine Produkte, vor allem Mikrochips, zu importieren.

Im russischen Fachblatt "Global Affairs" behauptet der Politologe Wlad Iwanenko allen Ernstes, Putin habe sich ohnehin "keine Vorteile vom Krieg" erwartet und hĂ€tte ihn gerne vermieden, "wenn es möglich gewesen wĂ€re". Solche Propaganda-LĂŒgen sollen wohl den Weg bereiten fĂŒr eine baldige, gesichtswahrende VerstĂ€ndigung. Der stellvertretende Außenminister Andrej Rudenko sagte, Russland sei jederzeit bereit, mit der Ukraine zu verhandeln: "Es gibt keine Vorbedingungen von unserer Seite, außer der Hauptbedingung – dass die Ukraine guten Willen zeigt."

(Video) RapsouL-VerzweifeLt..♄

Putin will "Feedback" bekommen

Wladimir Putin kĂŒndigte unterdessen bei einem Besuch in der Region Twer an, demnĂ€chst "persönlich" mit den Angehörigen von Mobilisierten zu sprechen, um "Feedback zu bekommen". Seinen Angaben zufolge befinden sich bereits rund 80.000 einberufene Soldaten im Kampfgebiet. Wann das Treffen mit Vertretern der Betroffenen stattfindet, dazu wollte sein Sprecher Dmitri Peskow noch keine genauen Angaben machen. Hintergrund dieser AnkĂŒndigung sind wohl Berichte, wonach bereits Hunderte von Mobilisierten gefallen sind und das Versprechen nicht eingehalten wurde, alle Eingezogenen vor ihren KampfeinsĂ€tzen grĂŒndlich vorzubereiten und auszurĂŒsten. Ukrainische Propaganda-Medien prĂ€sentieren tĂ€glich gefangene russische Soldaten, die behaupten, von ihren Kommandeuren "im Stich gelassen" worden zu sein.

Obendrein sinkt einer Umfrage zufolge die Zahl der UnterstĂŒtzer des Krieges in Russland, wenn auch nicht dramatisch. So sollen im September nur noch 16 Prozent der Befragten zur "Kriegspartei" gehört haben, zuvor sollen es 25 Prozent gewesen sein. Gleichzeitig stieg die Zahl der FriedensbefĂŒrworter von 23 auf 27 Prozent. Offizielle, vom Kreml in Auftrag gegebene Umfragen ergeben allerdings regelmĂ€ĂŸig Zustimmungswerte zwischen 70 und 80 Prozent.

Kreml liefert Argumente fĂŒr Cherson-RĂŒckzug

Das gewöhnlich gut unterrichtete, im Ausland veröffentlichte Portal "Meduza" will jetzt zwei Dokumente aus dem Kreml erhalten haben, in denen Hinweise fĂŒr russische Medien enthalten sein sollen, wie sie den demnĂ€chst erwarteten Abzug aus Cherson der Öffentlichkeit erklĂ€ren können. Politisch wĂ€re der Vorgang fĂŒr Putin Ă€ußerst heikel, denn die Region wurde nach einer fingierten "Volksabstimmung" offiziell Russland einverleibt. Moskau gelobte, Cherson "niemals" wieder aufzugeben. Jetzt zitiert "Meduza" aus den Unterlagen, fĂŒr die russischen Soldaten sei die Lage vor Ort "extrem schwierig", weil die Ukraine alle ihre KrĂ€fte konzentriere, um nicht zu riskieren, die westliche UnterstĂŒtzung zu verlieren.

(Video) Verzweifelt

Der Gegner plane geradezu ein "Blutbad". Die russischen Truppen versuchten dagegen, "das Leben von Zivilisten und Personal zu retten", so die vom Kreml gewĂŒnschte Lesart. Wegen der "Gefahr eines massiven Angriffs" habe die Zivilbevölkerung bereits evakuiert werden mĂŒssen. Die russischen Truppen könnten ĂŒberdies förmlich "weggespĂŒlt" werden, falls die Ukraine einen Staudamm sprenge. Dass diese RĂŒckzugs-Propaganda bei kremltreuen Bloggern schon auf fruchtbaren Boden fĂ€llt, zeigt die Aufforderung eines Putin-Fans mit 250.000 Abonnenten, es sei "nicht die beste Entscheidung, den Kampf zu den Bedingungen des Feindes aufzunehmen". Eines der "wichtigsten Prinzipien" des Angriffskriegs sei doch die "maximale Rettung von Menschenleben" - eine in der Tat bizarre Argumentation.

Ein anderer "Patriot" und MilitĂ€rexperte schrieb warnend: "Es versteht sich von selbst, dass es besser ist, nach den ersten Erfolgen eine ĂŒbermĂ€ĂŸige Euphorie zu vermeiden, damit Sie sich spĂ€ter nicht wundern, warum der Angriff auf die nĂ€chste Festung ins Stocken gerĂ€t oder sich nicht so schnell entwickelt, wie man es gerne hĂ€tte."

Erinnerung an Schlacht von Poltawa

Der RĂŒckzug aus Cherson sei "wahrscheinlich", wenn auch nicht "wĂŒnschenswert", heißt es angeblich im Handbuch der russischen Regierungskreise. Dort wird auf die Schlacht von Poltawa am 8. Juli 1709 verwiesen, wo Zar Peter der Große die Schweden besiegte, nachdem er einige Jahre zuvor noch eine derbe Niederlage kassiert hatte und sich tief ins Landesinnere zurĂŒckziehen musste. Der Sieg in Poltawa sei im Nordischen Krieg ein "Wendepunkt" gewesen, so der Kreml, der damit wohl nahelegen will, wie "segensreich" vorherige RĂŒckzĂŒge sein können. Möglicherweise ist das alles aber auch nur Desinformation, so "Meduza", weil der Kreml Zeit gewinnen wolle, eine neue Großoffensive im Winter vorzubereiten.

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GerĂŒchte um Beruhigung der "Ultra-Patrioten"

Gleichzeitig behauptet ein Telegram-Portal mit besten Verbindungen in den Kreml, Putin sei seit zwei Tagen damit beschĂ€ftigt, eine "Ausstiegsstrategie" aus dem Ukraine-Krieg zu entwickeln. Demnach machte Putin-Kumpel und Oligarch Juri Kowaltschuk den Vorschlag, den besonders martialischen "Ultra-Patrioten" um den SöldnerfĂŒhrer Jewgeni Prigoschin ("Gruppe Wagner") bei vorgezogenen Wahlen eine angemessene Vertretung im Parlament anzubieten. Von dort aus könnten diese Kreise Putin besser vor Attacken enttĂ€uschter Nationalisten schĂŒtzen. Auch hier wĂ€re die Argumentation, Russland habe sich nur deshalb zurĂŒckgezogen, um "spĂ€ter" umso rabiater zuzuschlagen. Sollte es Rechtsextreme geben, die sich darauf nicht einlassen wollten, könnten sie immer noch als "VerrĂ€ter und Provokateure" gebrandmarkt werden. Bis zum 10. November solle geprĂŒft werden, ob die politische Einbindung der Patrioten ein gangbarer Weg wĂ€re.

"Gespenst der Niederlage ĂŒber dem Kreml"

Mit Blick auf die Geschehnisse in Cherson Ă€ußert der britische Kriegsforscher Lawrence Freedman im Fachblatt "New Statesman", es mĂŒsse wohl noch mehr passieren, bis Putin wirklich an einen Waffenstillstand denke: "Man hĂ€tte hoffen können, dass die HĂ€ufung schlechter Nachrichten von der Front Putins Entschlossenheit schwĂ€chen und ihn veranlassen wĂŒrde, realistischer ĂŒber Friedensabkommen zu diskutieren." Auch das Kleinbeigeben im jĂŒngsten Streit um das Getreideabkommen mit der Ukraine habe gezeigt, dass Putin wisse, "wie er einen RĂŒckzieher macht". Derzeit gehe es fĂŒr den russischen PrĂ€sident nicht mehr darum, zu "gewinnen", allerdings wolle er auf keinen Fall "verlieren".

Putin werde es schwerfallen, die "Initiative zu ergreifen", solange er die Wut der Nationalisten fĂŒrchten mĂŒsse: "Den Ereignissen auf dem Schlachtfeld ihren Lauf zu lassen, birgt fĂŒr Putin allerdings ganz eigene Gefahren. Das Gespenst der Niederlage wird ĂŒber dem Kreml schweben. Der Entscheidungsprozess wird zunehmend blockiert und die Frustration in der Elite wĂ€chst. Potenzielle Nachfolger werden um Positionen ringen. Das MilitĂ€r wird gefangen sein zwischen der Notwendigkeit, KrĂ€fte zu schonen und strategische Positionen nicht aufzugeben, zwischen einem System, das Erfolg fordert, aber nicht in der Lage ist, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen."

(Video) Frida (8) mobbt ihre eigene Mutter bis zur Verzweiflung! Warum? | Die Familienhelfer | SAT.1

Im Angesicht "krasser Entscheidungen" könne Moskau bei sich "plötzlich ein ernsthaftes Interesse an Verhandlungen entdecken". Bis dahin bleibe Kiew jedoch nichts anderes ĂŒbrig, als mit westlicher UnterstĂŒtzung seine BemĂŒhungen um die RĂŒckeroberung seines Territoriums so lange fortzusetzen, bis ein Punkt erreicht sei, an dem eine russische Niederlage nicht mehr geleugnet werden könne.

"Nicht unnötig provozieren"

Im US-Fachblatt "Foreign Affairs" schreibt Experte Dan Reiter derweil, dass ein Scheitern von Putin im Ukraine-Krieg nicht gleichbedeutend sein mĂŒsse mit einer allgemeinen Katastrophe oder gar dem Einsatz von Atomwaffen. Der Mann sei ja "nur verzweifelt, nicht irre". Der Westen könne sein "Panik-Niveau" runterdimmen: "Die Vereinigten Staaten sollten sich nicht von ĂŒbertriebenen Ängsten vor verzweifeltem Handeln [Putins] davon abbringen lassen, nationale Interessen voranzutreiben. Die Feinde des Westens wollen manchmal Verzweiflung oder Wahnsinn vortĂ€uschen, um ihn durch Angst zu lĂ€hmen. Kommen wir ihnen dabei nicht entgegen!"

Mit Hinweis darauf, dass schon hĂ€ufiger AtommĂ€chte Kriege gegen LĂ€nder verloren haben, die keine Kernwaffen hatten, bemerkt Dan Reiter: "Selbst abscheuliche Regime werden manchmal durch moralische ErwĂ€gungen eingeschrĂ€nkt." Im Übrigen habe sich gezeigt, dass StaatsmĂ€nner unter Druck nur dann zum "Äußersten" gingen, wenn es eine logisch begrĂŒndete Chance gibt, den Krieg dadurch tatsĂ€chlich noch umkehren zu können. Das sei in Russland nicht der Fall: "Genauso wie die Vereinigten Staaten darauf achten sollten, nicht unnötig zu provozieren oder einen Vorwand fĂŒr eine russische Eskalation zu liefern, besteht auch keine Notwendigkeit, Frieden um jeden Preis zu suchen."

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Author: Edmund Hettinger DC

Last Updated: 24/05/2023

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